
Dezember 2009: Arizona und New Mexico
Liebe Freunde,
der letzte Bericht Eurer Pilger endete in der Wüste von Südkalifornien. Dort füllten sie ihre Wasserflaschen auf, beluden ihre Fahrradtaschen mit Trockenfrüchten, Cracker und Haferflocken und machten sich auf den Weg nach Arizona. Das Fahrradfahren durch die Wüste brachte einige Herausforderungen mit sich, aber auch viele Belohnungen. Wir hatten die Etappen der Reise etwas mehr als sonst zu planen, um nicht in völlig verlassenen Gegenden vom Einbruch der Nacht überrascht zu werden, und auch, um Essen und Wasser auffüllen zu können. Die richtige Kleidung war ebenso wichtig: wir fanden es besser, lange, lockere Kleidung zu tragen, mit hohem Nacken und langen Ärmeln zum Schutz vor der Sonne. Alsbald wir die wir die Helme ab legten , haben wir die Sonnenhüte angesetzt.
Darüber hinaus erwies sich die richtige innere Einstellung als wichtig. Man könnte sich auf die Hitze, die Trockenheit, die kalten Nächte, die holprigen Wege oder die eintönige sandige Landschaft konzentrieren. Oder man konnte dankbar sein für die Sternennächte, die sonnigen Tage und die Schönheit der Natur mit ihren wundersamen Stein- und Sandformationen, Kakteen und anderen phantastischen Pflanzen ( manchmal blühend!), Hirschen, "Jackrabbit" Hasen, "Roadrunner" Voegel (das sind wüstenbewohnende Verwandte des Kuckucks) und anderen Tieren. Dann waren da die netten und freundlichen Menschen, die wir unterwegs trafen. Man konnte auch dankbar sein, dass es überhaupt Straßen gab (manche gut gepflastert) und ausreichend Wasserstellen, und dass die Fahrräder (durch die Hilfe von Uli Bahle vom Rad-Mobil in Rosenheim) die holprigen Wege, den Sand und die langen Fahrzeiten so hervorragend überstanden. Und weiterhin konnte man auch sehr dankbar sein für die segensreiche Stille der Wüste und die Möglichkeit für langes, ununterbrochene Gebet. Unser erster Halt in Arizona war in Yuma, wo wir bei M. und V. blieben. Sie sind ein sehr aktives, tuechtiges Paar, die ihr wunderschönes Heim selbst bauten. M. erklärte, dass er keine "couch-potato" Stubenhocker mag, so dass er gemeinsam mit seiner Frau, als er von dem Paar hörte, welches 50.000 km mit dem Fahrrad zurückgelegt hat, ihre Haustür für diese beiden Radfahrer öffnete. Wir haben uns schnell verstanden. Dort lernten wir viel über das landwirtschaftliche System, seine Abhängigkeit von Bewässerung und von den Menschen, die im Gange halten– von den Chefs bis zu den eingewanderten Feldarbeitern. Fast das gesamte einheimische Gemüse der USA kommt in den Wintermonaten entweder von hier oder aus Südkalifornien.
Weiter ging es durch die Wüste: in der Oase "Dateland" in Arizona war unser nächster Aufenthalt. Hier genossen wir einen Dattelmilchshake und füllten unsere Vorräte mit getrockneten Datteln der dortigen Palmen auf. Dann ging es weiter bis Gila Bend, einer ursprünglich mexikanisch-amerikanischen Stadt, wo wir ein sehr warmes Willkommen erhielten. Wir waren Gäste der katholischen Gemeinde, sangen (in englisch und spanisch) auf einem ihrer Gebetstreffen, und wir gaben Konzerte in einer Schule und einem Seniorenzentrum. Zwei pensionierte Schulrektoren, die Bruder und Schwester sind (der Bruder war bereits weggezogen und gerade auf Besuch, die Schwester wohnte noch dort), nahmen uns unter ihre Fittiche. Durch diese wundervollen Menschen lernten wir viel über die Sorgen und Freuden der früheren - und heutigen – mexikanischen Einwanderer.
Bald verschlug es uns in den Norden von Arizona. T. und T., ein Paar, das wir in Oregon getroffen hatten, nahm uns in ihrem Pick up–Truck mit, zunächst nach Prescott in ihr Zuhause, außerdem noch nach Sedona und zum Grand Canyon (siehe Bild oben), und dann wieder nach Süden. Wir hatten tiefsinnige Gespräche, während wir durch großartige Naturmonumente fuhren oder gingen, und nachdem wir diese erfahren hatten. Außerdem gab es für uns in Prescott wieder die Möglichkeit zu singen.
Wenn man durch die Wüste radelt, beginnt man bald zu verstehen, warum die alten Wüstenväter, wie z.B. der Heilige St. Anthony (251-356 AD), in die Wüste gingen, um Gott zu suchen. Und es ist auch nicht überraschend, dass manche Menschen spirituelle Gemeinschaften in der amerikanischen Wüste gegründet haben. Wir besuchten das griechisch-orthodoxe Kloster von St. Anthony nahe Florence, Arizona, das von dem Ältesten ("Gerontas" oder "Starez") Ephrem vom Berg Athos gegründet wurde. Das Kloster ist eine überwältigende grüne Insel inmitten eines Wüstenmeeres. Es ist voller wunderschöner Gebäude in griechischem oder russischem Baustil. Es gibt auch Springbrunnen, Gärten, Gartenlauben, ornamentale Pflanzungen, Gemüsegärten und Haine mit Oliven, Datteln, Zitrus- und anderen Früchten. Als die Anhänger von Fr. Ephrem auf dessen Empfehlung hin das Land kauften, war es unfruchtbar und trocken. Uns wurde erzählt, dass Fr. Ephrem, nachdem er drei Tage gefastet und gebetet hatte, einige Freunde zu einer bestimmten Stelle führte und ihnen sagte, wie tief sie zu graben hätten, um Wasser zu finden. Bald darauf stießen sie auf einen unterirdischen Fluß, der auch heute nicht nur den Boden bewässert und die Mönche und die Hunderte von Gästen versorgt, die praktisch jeden Tag da sind, sondern auch noch einen Überschuß an Wasser ermöglicht, der in der Stadt Florence verkauft wird.
Die meisten Besucher des Klosters sind Griechen, die entweder in Griechenland oder in den USA oder in Kanada leben. In den Gottesdiensten wird nur Griechisch benutzt, und die meistgehörte Sprache im Gästehaus oder im Gelände ist Griechisch. Wir fragten zwei Leute, warum sie Tausende von Meilen nach Arizona geflogen waren, wo es doch mehr als genug Klöster in Europa gibt. Die Antwort war, dass Fr. Ephrem ein heiliger Mann ist, und dass sich die weite Reise lohnt, um in seinem Kloster zu sein und seinen Segen zu empfangen. Diese Meinung wurde bekräftigt durch die vielen Mönche, die dem Kloster beitraten, ebenso durch die zahlreichen Berichte aus erster Hand, die wir von Menschen hörten - manchmal mit Tränen der Freude und Dankbarkeit in den Augen – die hier in Zeiten ernster Bedrängnis von einem der Beichtväter hilfreiche Beratung erhalten hatten.
Die äußeren Regeln des Klosters sind ziemlich streng. Wecken ist um 1:00 Uhr nachts angesagt. Gottesdienste sind von 1:30 nachts bis 3:30 oder 4:00 Uhr morgens, dann folgt das Frühstück. Bis 7 Uhr ist Ruhezeit. Am Nachmittag sind noch mehr Gottesdienste, und am Abend eine kurze „Komplet". Um 19 Uhr beginnt die Stillezeit. (Was der durchschnitts Grieche von "Stille" versteht weicht allerdings von unseren Vorstellungen wesentlich ab.) Männer und Frauen haben ihre Arme und Beine zu bedecken. Frauen sollen Röcke oder Kleider tragen und Kopf und Hals mit einem Schal bedecken. Wie es in orthodoxen Klöstern üblich ist, neigen die Mönche dazu, unter sich zu sein, oft leise aber hoerbar das Herzensgebet betend, während ihrer Arbeit oder wenn sie durch das Klostergelände gehen. Dennoch, wenn man sich ihnen nähert, gehen sie mit freundlicher Wärme auf Fragen oder Probleme ein und geben kurze, praktische Antworten.
Der Älteste ist sehr beliebt und gefragt. Obwohl er in seinen Achtzigern und etwas gebrechlich ist, verbringt er Stunden (je nachdem, wie es seine Gesundheit erlaubt), in seinem Büro im "Catholicon", der Hauptkirche, hört sich Beichten an und erteilt Rat. Wir hatten die Gnade, mit ihm über unsere Pilgerreise zu sprechen und seinen Segen zu empfangen. Er sprach zu uns (da wir nicht Muttersprachler sind) in einem klaren, einfachen Griechisch, dennoch mit Worten voller Bedeutung. Sein gealteter Körper schien von Licht umgeben, und dieser Eindruck wurde noch verstärkt durch die Freude, die Liebe und den guten Humor, die in seinen Augen glitzerten. Wir verließen das ziemlich kurze Treffen mit dem Gefühl, dass der Schleier zwischen Himmel und Erde sehr dünn geworden war.
Natürlich wird, wo auch immer Menschen bestrebt sind, den Willen Gottes zu erfahren und zu tun, auch immer menschliches Versagen und Scheitern sein. Nichtsdestotrotz ist dieses Kloster ein echtes Beispiel der Tradition des Berges Athos. In unserer Zeit, wo sich so viele Menschen der östlichen Spiritualität zuwenden, um Antworten zu erhalten auf die Fragen, die den Gesellschaften in Europa und Amerika so zusetzen, wird die christliche Spiritualität des Ostens eigenartigerweise - und traurigerweise – oft ignoriert. Hier, in der Wüste des amerikanischen Südwestens, fanden wir einen Platz, wo aufrichtige Sucher diese Ignoranz überwinden können. Bald darauf fanden wir einen weiteren Ort dieser Art.
In Safford, Arizona, besuchten wir das Frauenkloster von St. Paisius. Äußerlich scheint es sich sehr zu unterscheiden vom Kloster St. Anthony: Es ist ein Frauenkloster. Obwohl es unter der serbischen orthodoxen Kirche steht, wurde der Gottesdienst in Englisch gehalten, und der Beichtvater ist ein in Amerika geborener christlicher Konvertit. Aber im Geist, in der Tiefe und der Aufrichtigkeit ihres spirituellen Bestrebens sind die zwei Klöster sehr ähnlich. Es war ebenfalls eine Freude hier zu sein.
Eure Pilger besuchten auch einige orthodoxe Gemeinden in Arizona und New Mexico. Sie hatten ausgedehnte Aufenthalte als Gäste der Gemeinden in Tucson, Arizona und Las Cruces, New Mexico. In diesen Gemeinden waren sie in den 40 Tagen vor Weihnachten, der Zeit des „Weihnachtsfastens", das ist eine Zeit, die dazu gedacht ist, zu beten, zu fasten und das Fest des Kommens des Herrn der Erde vorzubereiten. Obwohl es nicht so streng gesehen wird wie die vorösterliche Fastenzeit, so ist es doch eine Zeit, sich selbst zu sammeln und zu reinigen. In Tucson hatten sich die Priester von zwei Gemeinden zusammen getan, um während der 40 Tage jeden Morgen die Heilige Liturgie (Eucharistie) zu feiern. Wir empfanden das als eine große Hilfe für unsere eigene Vorbereitung auf Weihnachten.
Anfang Dezember waren wir an der Grenze zu Texas, gerade, als ein großer Schneesturm das Land traf. Dem Wink von Mutter Natur folgend, packten wir an einem Morgen mit viel Schneefall unsere Fahrräder in einen Zug in El Paso, dann sprangen wir selbst hinein. Nicht lange danach spazierten wir am Strand des Atlantischen Ozeans in New Jersey entlang, damit vollendeten wir gewissermaßen einen vollen Kreis, denn hier begannen wir letzen April unsere Nordamerika-Reise.
Was waren unsere größten Eindrücke und Lektionen dieser Reise? Erstens wurden wir sehr berührt von der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen, die war trafen, und von den Naturschönheiten unterwegs. Zweitens waren wir sehr überrascht zu erleben, wie in betraechtlichen Teile der USA für Fahrradfahrer gesorgt wird, was alles für Fahrradfahrer getan und gebaut wurde und wird, mehr, als wir jemals sahen in den letzten 13 Jahren. Darüber hinaus trafen wir etliche Langstreckenradfahrer, besonders an den populäreren Routen, auf denen wir fuhren, d.h. auf dem C&O-Kanal-Weg (Washington DC nach Cumberland, MD), der Allegheny Passage (Cumberland, MD nach Pittsburg, PA), der Pazifikküsten-Route (Vancouver bis Mexico) und der „Nord Tier" Route (Maine bis Washington State).
Drittens, vielleicht für uns am Wichtigsten, erfuhren wir die Wahrheit einer Aussage eines Pfarrers in Detroit. Die amerikanische Kultur und die amerikanische Geschichte sind nicht einfach eine Manifestation des Materialismus. Unsere Kultur und Geschichte sind ein Kampf gegen den Materialismus – und gegen die übel wollenden Geister des Materialismus und des Mammon. Und dieser Kampf wird von der göttlichen Vorsehung genau deswegen erlaubt, weil die Amerikaner mit ihrer positiven, "Ja, wir koennen!" Einstellung, ihrer nüchternen Sachlichkeit und ihrem Optimismus ideal dafür geeignet sind diesen Kampf zu kämpfen. Der Materialismus, wenn er sich in den Kulturen der alten Welt einwurzelt, kann oft viel mehr zynisch sein und zerstörerisch für die Seele. Im Vergleich dazu ist der Materialismus in Amerika mehr eine Art „Jugend-Krankheit", vergleichbar mit Disharmonien während der Zeit der menschlichen Adoleszenz.
Natürlich ist eine „Adoleszenz-Krankheit" auch nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Man muss klar darueber sein: Der Kampf um die menschlichen Seelen tobt hier sehr wütend. Die verschiedenen Kämpfe für die Umwelt und die ökonomische Vorherrschaft, die verschiedenen Kriege an den militärischen, politischen, rechtlichen und Massenmedien/Propaganda – Fronten sind nur Widerspiegelungen und Folgen dieses mehr grundsätzlichen Kampfes um unsere essentielle Menschlichkeit und unsere ewige Individualität. Wie es ausgehen wird ist noch unentschieden. Unkritische Schmeicheleien über die USA als ein Land, in dem Milch und Honig fließen, sind natürlich fehl am Platz. Aber genauso falsch und schädlich ist es, Amerika als ein Land der Habgier und Unmoral zu verdammen. Amerika ist der Schauplatz der Schlacht, die weit reichende Konsequenzen für die ganze Welt hat. Weit besser als jede Verurteilung ist ein aufrichtiges Gebet an den Schöpfer der Welt und den Guten Hirten unserer Seelen, dass die Amerikaner--und auch allen anderen Menschen--ihren Teil in Seinem Plan tun, um die Welt zu heilen.
Es gab viele Menschen, die wir trafen, die uns auf ganz verschiedene Weisen unterstützten und uns halfen und die wir in diesem Brief nicht erwaehnt haben. Unser Dank geht zu ihnen allen, genauso wie zu allen unseren Freunden in der ganzen Welt.
Alexandra and William
4. Januar 2010
P.S. Eines der größten Diskussionsthemen, die wir hier in den USA gehört haben, ist die Finanzierung der Gesundheitsfürsorge. Dr. Patch Adams (der berühmt wurde durch den Film über ihn mit Robin Williams) resümierte über den aktuellen Stand der Dinge in einer kurzen Notiz, die er schrieb: Man kann sie runterladen von:
http://www.patchadams.org/letter_on_reform_12_09
Liebe Freunde,
der letzte Bericht Eurer Pilger endete in der Wüste von Südkalifornien. Dort füllten sie ihre Wasserflaschen auf, beluden ihre Fahrradtaschen mit Trockenfrüchten, Cracker und Haferflocken und machten sich auf den Weg nach Arizona. Das Fahrradfahren durch die Wüste brachte einige Herausforderungen mit sich, aber auch viele Belohnungen. Wir hatten die Etappen der Reise etwas mehr als sonst zu planen, um nicht in völlig verlassenen Gegenden vom Einbruch der Nacht überrascht zu werden, und auch, um Essen und Wasser auffüllen zu können. Die richtige Kleidung war ebenso wichtig: wir fanden es besser, lange, lockere Kleidung zu tragen, mit hohem Nacken und langen Ärmeln zum Schutz vor der Sonne. Alsbald wir die wir die Helme ab legten , haben wir die Sonnenhüte angesetzt.
Darüber hinaus erwies sich die richtige innere Einstellung als wichtig. Man könnte sich auf die Hitze, die Trockenheit, die kalten Nächte, die holprigen Wege oder die eintönige sandige Landschaft konzentrieren. Oder man konnte dankbar sein für die Sternennächte, die sonnigen Tage und die Schönheit der Natur mit ihren wundersamen Stein- und Sandformationen, Kakteen und anderen phantastischen Pflanzen ( manchmal blühend!), Hirschen, "Jackrabbit" Hasen, "Roadrunner" Voegel (das sind wüstenbewohnende Verwandte des Kuckucks) und anderen Tieren. Dann waren da die netten und freundlichen Menschen, die wir unterwegs trafen. Man konnte auch dankbar sein, dass es überhaupt Straßen gab (manche gut gepflastert) und ausreichend Wasserstellen, und dass die Fahrräder (durch die Hilfe von Uli Bahle vom Rad-Mobil in Rosenheim) die holprigen Wege, den Sand und die langen Fahrzeiten so hervorragend überstanden. Und weiterhin konnte man auch sehr dankbar sein für die segensreiche Stille der Wüste und die Möglichkeit für langes, ununterbrochene Gebet. Unser erster Halt in Arizona war in Yuma, wo wir bei M. und V. blieben. Sie sind ein sehr aktives, tuechtiges Paar, die ihr wunderschönes Heim selbst bauten. M. erklärte, dass er keine "couch-potato" Stubenhocker mag, so dass er gemeinsam mit seiner Frau, als er von dem Paar hörte, welches 50.000 km mit dem Fahrrad zurückgelegt hat, ihre Haustür für diese beiden Radfahrer öffnete. Wir haben uns schnell verstanden. Dort lernten wir viel über das landwirtschaftliche System, seine Abhängigkeit von Bewässerung und von den Menschen, die im Gange halten– von den Chefs bis zu den eingewanderten Feldarbeitern. Fast das gesamte einheimische Gemüse der USA kommt in den Wintermonaten entweder von hier oder aus Südkalifornien.
Weiter ging es durch die Wüste: in der Oase "Dateland" in Arizona war unser nächster Aufenthalt. Hier genossen wir einen Dattelmilchshake und füllten unsere Vorräte mit getrockneten Datteln der dortigen Palmen auf. Dann ging es weiter bis Gila Bend, einer ursprünglich mexikanisch-amerikanischen Stadt, wo wir ein sehr warmes Willkommen erhielten. Wir waren Gäste der katholischen Gemeinde, sangen (in englisch und spanisch) auf einem ihrer Gebetstreffen, und wir gaben Konzerte in einer Schule und einem Seniorenzentrum. Zwei pensionierte Schulrektoren, die Bruder und Schwester sind (der Bruder war bereits weggezogen und gerade auf Besuch, die Schwester wohnte noch dort), nahmen uns unter ihre Fittiche. Durch diese wundervollen Menschen lernten wir viel über die Sorgen und Freuden der früheren - und heutigen – mexikanischen Einwanderer.
Bald verschlug es uns in den Norden von Arizona. T. und T., ein Paar, das wir in Oregon getroffen hatten, nahm uns in ihrem Pick up–Truck mit, zunächst nach Prescott in ihr Zuhause, außerdem noch nach Sedona und zum Grand Canyon (siehe Bild oben), und dann wieder nach Süden. Wir hatten tiefsinnige Gespräche, während wir durch großartige Naturmonumente fuhren oder gingen, und nachdem wir diese erfahren hatten. Außerdem gab es für uns in Prescott wieder die Möglichkeit zu singen.
Wenn man durch die Wüste radelt, beginnt man bald zu verstehen, warum die alten Wüstenväter, wie z.B. der Heilige St. Anthony (251-356 AD), in die Wüste gingen, um Gott zu suchen. Und es ist auch nicht überraschend, dass manche Menschen spirituelle Gemeinschaften in der amerikanischen Wüste gegründet haben. Wir besuchten das griechisch-orthodoxe Kloster von St. Anthony nahe Florence, Arizona, das von dem Ältesten ("Gerontas" oder "Starez") Ephrem vom Berg Athos gegründet wurde. Das Kloster ist eine überwältigende grüne Insel inmitten eines Wüstenmeeres. Es ist voller wunderschöner Gebäude in griechischem oder russischem Baustil. Es gibt auch Springbrunnen, Gärten, Gartenlauben, ornamentale Pflanzungen, Gemüsegärten und Haine mit Oliven, Datteln, Zitrus- und anderen Früchten. Als die Anhänger von Fr. Ephrem auf dessen Empfehlung hin das Land kauften, war es unfruchtbar und trocken. Uns wurde erzählt, dass Fr. Ephrem, nachdem er drei Tage gefastet und gebetet hatte, einige Freunde zu einer bestimmten Stelle führte und ihnen sagte, wie tief sie zu graben hätten, um Wasser zu finden. Bald darauf stießen sie auf einen unterirdischen Fluß, der auch heute nicht nur den Boden bewässert und die Mönche und die Hunderte von Gästen versorgt, die praktisch jeden Tag da sind, sondern auch noch einen Überschuß an Wasser ermöglicht, der in der Stadt Florence verkauft wird.
Die meisten Besucher des Klosters sind Griechen, die entweder in Griechenland oder in den USA oder in Kanada leben. In den Gottesdiensten wird nur Griechisch benutzt, und die meistgehörte Sprache im Gästehaus oder im Gelände ist Griechisch. Wir fragten zwei Leute, warum sie Tausende von Meilen nach Arizona geflogen waren, wo es doch mehr als genug Klöster in Europa gibt. Die Antwort war, dass Fr. Ephrem ein heiliger Mann ist, und dass sich die weite Reise lohnt, um in seinem Kloster zu sein und seinen Segen zu empfangen. Diese Meinung wurde bekräftigt durch die vielen Mönche, die dem Kloster beitraten, ebenso durch die zahlreichen Berichte aus erster Hand, die wir von Menschen hörten - manchmal mit Tränen der Freude und Dankbarkeit in den Augen – die hier in Zeiten ernster Bedrängnis von einem der Beichtväter hilfreiche Beratung erhalten hatten.
Die äußeren Regeln des Klosters sind ziemlich streng. Wecken ist um 1:00 Uhr nachts angesagt. Gottesdienste sind von 1:30 nachts bis 3:30 oder 4:00 Uhr morgens, dann folgt das Frühstück. Bis 7 Uhr ist Ruhezeit. Am Nachmittag sind noch mehr Gottesdienste, und am Abend eine kurze „Komplet". Um 19 Uhr beginnt die Stillezeit. (Was der durchschnitts Grieche von "Stille" versteht weicht allerdings von unseren Vorstellungen wesentlich ab.) Männer und Frauen haben ihre Arme und Beine zu bedecken. Frauen sollen Röcke oder Kleider tragen und Kopf und Hals mit einem Schal bedecken. Wie es in orthodoxen Klöstern üblich ist, neigen die Mönche dazu, unter sich zu sein, oft leise aber hoerbar das Herzensgebet betend, während ihrer Arbeit oder wenn sie durch das Klostergelände gehen. Dennoch, wenn man sich ihnen nähert, gehen sie mit freundlicher Wärme auf Fragen oder Probleme ein und geben kurze, praktische Antworten.
Der Älteste ist sehr beliebt und gefragt. Obwohl er in seinen Achtzigern und etwas gebrechlich ist, verbringt er Stunden (je nachdem, wie es seine Gesundheit erlaubt), in seinem Büro im "Catholicon", der Hauptkirche, hört sich Beichten an und erteilt Rat. Wir hatten die Gnade, mit ihm über unsere Pilgerreise zu sprechen und seinen Segen zu empfangen. Er sprach zu uns (da wir nicht Muttersprachler sind) in einem klaren, einfachen Griechisch, dennoch mit Worten voller Bedeutung. Sein gealteter Körper schien von Licht umgeben, und dieser Eindruck wurde noch verstärkt durch die Freude, die Liebe und den guten Humor, die in seinen Augen glitzerten. Wir verließen das ziemlich kurze Treffen mit dem Gefühl, dass der Schleier zwischen Himmel und Erde sehr dünn geworden war.
Natürlich wird, wo auch immer Menschen bestrebt sind, den Willen Gottes zu erfahren und zu tun, auch immer menschliches Versagen und Scheitern sein. Nichtsdestotrotz ist dieses Kloster ein echtes Beispiel der Tradition des Berges Athos. In unserer Zeit, wo sich so viele Menschen der östlichen Spiritualität zuwenden, um Antworten zu erhalten auf die Fragen, die den Gesellschaften in Europa und Amerika so zusetzen, wird die christliche Spiritualität des Ostens eigenartigerweise - und traurigerweise – oft ignoriert. Hier, in der Wüste des amerikanischen Südwestens, fanden wir einen Platz, wo aufrichtige Sucher diese Ignoranz überwinden können. Bald darauf fanden wir einen weiteren Ort dieser Art.
In Safford, Arizona, besuchten wir das Frauenkloster von St. Paisius. Äußerlich scheint es sich sehr zu unterscheiden vom Kloster St. Anthony: Es ist ein Frauenkloster. Obwohl es unter der serbischen orthodoxen Kirche steht, wurde der Gottesdienst in Englisch gehalten, und der Beichtvater ist ein in Amerika geborener christlicher Konvertit. Aber im Geist, in der Tiefe und der Aufrichtigkeit ihres spirituellen Bestrebens sind die zwei Klöster sehr ähnlich. Es war ebenfalls eine Freude hier zu sein.
Eure Pilger besuchten auch einige orthodoxe Gemeinden in Arizona und New Mexico. Sie hatten ausgedehnte Aufenthalte als Gäste der Gemeinden in Tucson, Arizona und Las Cruces, New Mexico. In diesen Gemeinden waren sie in den 40 Tagen vor Weihnachten, der Zeit des „Weihnachtsfastens", das ist eine Zeit, die dazu gedacht ist, zu beten, zu fasten und das Fest des Kommens des Herrn der Erde vorzubereiten. Obwohl es nicht so streng gesehen wird wie die vorösterliche Fastenzeit, so ist es doch eine Zeit, sich selbst zu sammeln und zu reinigen. In Tucson hatten sich die Priester von zwei Gemeinden zusammen getan, um während der 40 Tage jeden Morgen die Heilige Liturgie (Eucharistie) zu feiern. Wir empfanden das als eine große Hilfe für unsere eigene Vorbereitung auf Weihnachten.
Anfang Dezember waren wir an der Grenze zu Texas, gerade, als ein großer Schneesturm das Land traf. Dem Wink von Mutter Natur folgend, packten wir an einem Morgen mit viel Schneefall unsere Fahrräder in einen Zug in El Paso, dann sprangen wir selbst hinein. Nicht lange danach spazierten wir am Strand des Atlantischen Ozeans in New Jersey entlang, damit vollendeten wir gewissermaßen einen vollen Kreis, denn hier begannen wir letzen April unsere Nordamerika-Reise.
Was waren unsere größten Eindrücke und Lektionen dieser Reise? Erstens wurden wir sehr berührt von der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen, die war trafen, und von den Naturschönheiten unterwegs. Zweitens waren wir sehr überrascht zu erleben, wie in betraechtlichen Teile der USA für Fahrradfahrer gesorgt wird, was alles für Fahrradfahrer getan und gebaut wurde und wird, mehr, als wir jemals sahen in den letzten 13 Jahren. Darüber hinaus trafen wir etliche Langstreckenradfahrer, besonders an den populäreren Routen, auf denen wir fuhren, d.h. auf dem C&O-Kanal-Weg (Washington DC nach Cumberland, MD), der Allegheny Passage (Cumberland, MD nach Pittsburg, PA), der Pazifikküsten-Route (Vancouver bis Mexico) und der „Nord Tier" Route (Maine bis Washington State).
Drittens, vielleicht für uns am Wichtigsten, erfuhren wir die Wahrheit einer Aussage eines Pfarrers in Detroit. Die amerikanische Kultur und die amerikanische Geschichte sind nicht einfach eine Manifestation des Materialismus. Unsere Kultur und Geschichte sind ein Kampf gegen den Materialismus – und gegen die übel wollenden Geister des Materialismus und des Mammon. Und dieser Kampf wird von der göttlichen Vorsehung genau deswegen erlaubt, weil die Amerikaner mit ihrer positiven, "Ja, wir koennen!" Einstellung, ihrer nüchternen Sachlichkeit und ihrem Optimismus ideal dafür geeignet sind diesen Kampf zu kämpfen. Der Materialismus, wenn er sich in den Kulturen der alten Welt einwurzelt, kann oft viel mehr zynisch sein und zerstörerisch für die Seele. Im Vergleich dazu ist der Materialismus in Amerika mehr eine Art „Jugend-Krankheit", vergleichbar mit Disharmonien während der Zeit der menschlichen Adoleszenz.
Natürlich ist eine „Adoleszenz-Krankheit" auch nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Man muss klar darueber sein: Der Kampf um die menschlichen Seelen tobt hier sehr wütend. Die verschiedenen Kämpfe für die Umwelt und die ökonomische Vorherrschaft, die verschiedenen Kriege an den militärischen, politischen, rechtlichen und Massenmedien/Propaganda – Fronten sind nur Widerspiegelungen und Folgen dieses mehr grundsätzlichen Kampfes um unsere essentielle Menschlichkeit und unsere ewige Individualität. Wie es ausgehen wird ist noch unentschieden. Unkritische Schmeicheleien über die USA als ein Land, in dem Milch und Honig fließen, sind natürlich fehl am Platz. Aber genauso falsch und schädlich ist es, Amerika als ein Land der Habgier und Unmoral zu verdammen. Amerika ist der Schauplatz der Schlacht, die weit reichende Konsequenzen für die ganze Welt hat. Weit besser als jede Verurteilung ist ein aufrichtiges Gebet an den Schöpfer der Welt und den Guten Hirten unserer Seelen, dass die Amerikaner--und auch allen anderen Menschen--ihren Teil in Seinem Plan tun, um die Welt zu heilen.
Es gab viele Menschen, die wir trafen, die uns auf ganz verschiedene Weisen unterstützten und uns halfen und die wir in diesem Brief nicht erwaehnt haben. Unser Dank geht zu ihnen allen, genauso wie zu allen unseren Freunden in der ganzen Welt.
Alexandra and William
4. Januar 2010
P.S. Eines der größten Diskussionsthemen, die wir hier in den USA gehört haben, ist die Finanzierung der Gesundheitsfürsorge. Dr. Patch Adams (der berühmt wurde durch den Film über ihn mit Robin Williams) resümierte über den aktuellen Stand der Dinge in einer kurzen Notiz, die er schrieb: Man kann sie runterladen von:
http://www.patchadams.org/letter_on_reform_12_09