15 September 2010

September 2010: Serbien

September 2010: Serbien

Liebe Freunde,

der letzte Bericht über Eure Pilger ging an Euch, als sie mit den Rädern in Ost-Kroatien entlang des Flusses Danube fuhren. Dann überquerten sie die Grenze nach Serbien. Der erste Eindruck hier war Freundlichkeit. Jedoch gab es auch den Eindruck von Armut, besonders in den kleineren und großen Städten. Wir fuhren dann mit unseren Rädern auf den Fruška Gora (Фрушка гора) – das ist ein heiliger Berg mit vielen Klöstern und einem Nationalpark – und wir besuchten das Frauenkloster in Beočin (Беочин). Danach hatten wir eine etwas abenteuerliche Nacht im Zelt.

Am nächsten Morgen, während des Gottesdienstes in der Kirche dankten wir aus vollem Herzen Gott für Seinen Schutz in der vergangenen Nacht. Nach dem Frühstück radelten wir durch den Fruška Gora Nationalpark zum Kloster Šišatovac (Шишатовац). Dort trafen wir Bischof Artemije und einige der Mönche, die mit ihm dort leben. Sie empfingen uns mit Liebenswürdigkeit und heiliger Gastfreundschaft. Wir wissen nicht nur ihre Freundlichkeit sehr zu schätzen, sondern auch die vielen ehrlichen und inhaltsvollen Gespräche mit den Mönchen.
Der Bischof war – und ist offensichtlich immer noch – im Zentrum des Sturmes einer Kontroverse in der Serbischen Orthodoxen Kirche. Später bekamen wir viele Beschuldigungen gegen ihn zu hören. Wie auch immer, unser erster, unvoreingenommener Eindruck von ihm war der eines freundlichen, älteren Gentlemans. Obwohl er sich in bishoflichler Würde zeigte, war er umgänglich (er sprach perfekt griechisch), einfach und lebte in sehr bescheidener Umgebung. Die Kirche vor Ort, die im Zweiten Weltkrieg beschädigt worden war, war immer noch nicht repariert. Wegen Platzmangels lebten fünf Mönche zusammen in einer Zelle und sie teilten sich in ein altes Auto. Wir erfuhren auch tief empfundene, heilige Gastfreundschaft im Kloster, und wir waren nicht nur von der frommen Hingabe und Wärme der Mönche tief berührt, sondern auch von ihrem herrlichen Sinn für Humor.

Noch etwas anderes hinterließ einen tiefen Eindruck in uns. Viele Menschen reisten nach Šišatovac zu den Gottesdiensten, manchmal müssen sie schwierige und teure Reisen durch das ganze Land auf sich nehmen. Man konnte die Intensität ihrer stundenlangen Gebete in den Gottesdiensten spüren.
Als wir dort weilten, hat die Synode, das höchste leitende Organ der Serbischen Orthodoxen Kirche, Artemije seines Amtes als Bischof von Kosovo-Metohia enthoben. Obwohl verschiedene unbewiesene Behauptungen gegen ihn erhoben worden waren, betraf die hauptsächliche Meinungsverschiedenheit seine sehr offen zum Ausdruck gebrachte Haltung bezüglich des Kosovo. Seine Meinung war, dass das Kosovo ein Teil der Republik Serbien bleiben und eine Regierungsform ähnlich der in der Schweiz errichtet werden sollte, welche die Rechte der ethnischen Gruppen und die örtliche Autonomie in Bildung, Religion, Kultur und Gebietsverwaltung garantiert.

Er sprach sich gegen die fortwährende Vertreibung der ethnischen Serben aus dem Kosovo aus, sowie gegen die Schikanen gegenüber denjenigen, die bleiben. Er protestierte gegen die Zerstörung von 150 Kirchen, die nach dem Krieg unter der Obhut der USA und des europäischen Militärs geschah. Er prangerte den Mord an Serben und Albaniern an und den Verkauf ihrer Organe durch Führer ethnischer albanischer Milizen, zwei Jahre bevor dieser Skandal die Zeitungen erreichte. Und noch mehr, er war selbst, trotz seiner Fehler und menschlichen Mängel, die am meisten sichtbare Mahnung und Erinnerung daran, dass Kosovo-Metohia die Heimat des spirituellen Herzens Serbiens ist.

Neulich erhielten wir die Information, dass Artemije vor Kurzem von der Synode seiner Würde und seines Amtes als Priester und Bischof enthoben wurde. Er erklärte öffentlich, dass er diese Handlung für nicht rechtmäßig--weder nach den kirchlichen Kanonen, noch nach das serbische Gesetz--und auch für illegal hält.

Wir verließen Šišatovac und fuhren mit den Rädern in Richtung Belgrad, der Hauptstadt. Auf dem Weg trafen wir Flüchtlinge von Bosnien, Kroatien und Kosovo aus der Nachkriegszeit des Jugoslawienkrieges und viele Menschen, die ohne Arbeit oder unterbeschäftigt waren, größtenteils wegen des Krieges und der Zerstörung vieler Industrieanlagen während der Bombardierung 1999. Die Freundlichkeit und Gastfreundschaft, der wir begegneten, war herzerwärmend.

Wie auch immer, die Bedingungen für Radfahrer in der Stadt Belgrad waren jedoch (mit Ausnahme einiger Wege entlang der Flüsse) weniger als ideal. Nachdem wir eine Abkürzung genommen hatten, um über eine Brücke zu kommen, fanden wir uns auf einer stark befahrenen Autobahn mit beschränktem Zugang wieder. Dann kam ein langer Tunnel mit wenig Bewegungsfreiheit. Betäubt vom donnernden Verkehr, halb blind von den Scheinwerferlichtern, hin und her pendelnd im Luftstrom der vorbeifahrenden Lastzüge beteten wir heftig und traten straff in die Pedale. Nach dem Tunnel gab es immer noch keine Möglichkeit, diese Autobahn zu verlassen. Und dann kam noch ein Tunnel – genauso lang und genauso gefährlich wie der andere. Wir dankten Gott für seine Bewahrung, aber wir fühlten, dass, wenn wir uns nochmals in einen weiteren lebensgefährlichen Tunnel begeben würden, dies bedeutete, den Herrn zu versuchen. Am Straßenrand gab es einen kleinen Parkplatz, da saßen zwei Lastwagenfahrer aus der Türkei, die dort parkten und gerade beim Mittagsessen waren. Sie waren sehr freundlich und einer sprach etwas deutsch. Als sie unsere Notlage begriffen, halfen sie uns, die Fahrräder die Böschung hinauf zu tragen bis auf die Spitze des Berges, durch den der Tunnel ging. Bald waren wir weg von der Autobahn und wieder im normalen Stadtverkehr!
Während unseres Aufenthaltes in Belgrad nahmen uns zwei orthodoxe Schwestern unter ihre Fittiche. Sie arrangierten für uns die Unterkunft und halfen uns bei allen praktischen Details, außerdem führten sie uns zu bemerkenswerten Tempeln und Monumenten, wie die Kirche von St. Petka (Paraskevi) und die gewaltige Kathedrale vom hlg. Sava, dem Schutzheiligen der Serben.

Es würde zuviel werden, all unsere Treffen und Erfahrungen aufzuzählen und darüber zu berichten, die wir in Zentralserbien hatten. Aber einer der Höhepunkte war Čačak (Чачак). Wir wohnten bei Tatiana, einer Englischlehrerin, die wir getroffen hatten, ihrem Vater, der ein Hobby-Bienenzüchter ist, und bei ihrer Mutter, die kocht wie die Chefköchin eines feinen Hotels, sowohl in der Qualität als auch in der Quantität. Die Ovčar-Kablar Schlucht (Овчарско-кабларска клисура) am Fluß Morava liegt in der Nähe. Diese herrliche Gegend mit Flußmäandern, Felsklippen und atemberaubenden Naturschönheiten wird, auch wegen ihrer zahlreichen alten Klöster, der Berg Athos Serbiens genannt.
Ein weiterer Höhepunkt war das Kloster Žiča (Жича), in der Nähe von Kraljevo. Es wurde vor über 800 Jahren von Stephan, dem ersten König Serbiens, errichtet. Die Oberin ist eine Frau von großer Heiligkeit, die Schwestern (und einige andere Besucher) sind besonders musikalisch. Ihre Freude am Gebet und am Singen war verknüpft mit einer tiefen Sorge um das zerstörte Land auf Grund der Bombardierung durch die NATO im Jahr 1999, und um die Kinder, krank durch die Auswirkungen des Krieges auf die Umwelt. Das ist wohl ein Beispiel für eine „Nachahmung Christi“, die Herzen zu öffnen für die Liebe und die Freude an und in Gott und die Mitmenschen, und gleichzeitig Mitgefühl zu verspüren für eine leidende Welt, so krank auf körperlicher, psychischer und spiritueller Ebene.

Nachdem wir Žiča verlassen hatten, besuchten wir einen anderen alten und historisch wichtigen heiligen Ort, Studenica (Студеница)., erbaut 1190, der großartige Fresken beherbergt. Von hier aus radelten Eure Pilger durch die wunderschöne, bergige Landschaft Serbiens weiter südlich, in Richtung Kosovo. Mehr darüber im nächsten Bericht.