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07 Oktober 2010

Oktober 2010: Kosovo


Oktober 2010: Kosovo

Liebe Freunde,


nach dem letzten Bericht aus Zentralserbien verbrachten Eure Pilger eine ruhige Nacht in einem kleinen Kloster und radelten dann weiter nach Süden. Die Straße war ruhig und die Landschaften waren herrlich. Der Lärm, der Verkehr und das ganze chaotische Leben in und um Belgrad schienen nun mit Sicherheit weit weg zu sein.

Als wir die Grenze zum Kosovo erreichten, mussten wir zunächst einen serbischen Grenzübergang passieren. Ein Stück weiter kamen wir dann zu einem internationalen Grenzkontrollpunkt. Er war besetzt von Serben in Kosovo-Polizeiuniformen und von internationalen Kräften in Kampfausrüstung und Flakwesten. Die europäischen Grenzposten, die uns kontrollierten, waren sehr freundlich. Sie sahen dort nicht viele Leute auf Fahrrädern, aber wir waren nicht die ersten. Sie sagten uns, dass Reisen im Kosovo sicher sei, besonders für Amerikaner. Trotzdem sollten wir uns in Acht nehmen in den serbischen Gebieten, die könnten gefährlich sein. Tatsächlich meinten sie, im Interesse unserer Sicherheit sollten wir nicht anhalten oder mit Jemandem sprechen, bis wir den Fluß Ibar überquert und das serbische Gebiet verlassen hätten und in das albanische Gebiet gelangt wären. Sie waren offensichtlich entweder Superathleten, oder waren jedoch niemals mit einem voll beladenen Fahrrad längere Strecken gefahren. Für den Fall, dass wir doch einen Halt einlegen müssten, rieten sie uns, entweder ein EU-Lex- oder ein KFor- Fahrzeug anzuhalten, der Fahrer würde uns dann zu einem sicheren Hotel geleiten. (Anmerkung: EU-Lex ist ein internationaler Korps von Polizeioffizieren, Grenzposten und Justizbeamten der EU. KFor ist eine Militärkraft unter dem Kommando der NATO, einschließlich Kontingenten von Nicht-NATO Staaten wie der Schweiz.) Sie teilten uns auch mit, dass wir im Camp Bondsteel im Südwesten des Kosovo, dem größten US-Stützpunkt in der Region, Hilfe im Notfall bekommen könnten.

Wir dankten ihnen für ihren Rat und ihre Anteilnahme und fuhren weiter Richtung Süden, entlang des Flusses Ibar. Während wir durch einige Städte und Dörfer fuhren wurde klar, dass wir in einem armen Gebiet waren. Die Häuser und Autos waren in einem armen, reperaturbedürftigem Zustand. Viele Autos hatten keine Nummernschilder. In den Läden gab es nur sehr wenig Lebensmittel. Die meiste Zeit gab es keinen Strom, also waren die Beleuchtungen, die Registrierkassen und die Kühlschränke normalerweise aus. Die Menschen schienen zunächst sehr misstrauisch und reserviert zu sein. Aber sobald wir sie mit unserem wenigen Serbisch, das wir gelernt hatten ansprachen, wurden sie freundlich. Während unserer Reise durch Zentralserbien, das im Jahr 1999 hart vom NATO-Bombardement getroffen worden war, wurden wir oft gefragt, woher wir kämen. Wir lernten schnell zuerst zu sagen, dass wir Griechisch-Orthodoxe sind und erst dann hinzuzufügen, dass wir Amerikaner sind. Diese Form der Annäherung funktionierte weiterhin wunderbar. Es gab keine Anzeichen von der Feindseligkeit, vor der die Grenzposten uns gewarnt hatten.

Bevor wir mit unserem Bericht fortfahren, erscheinen uns einige Hintergrundinformationen zur Geschichte sinnvoll. Dies sind einige Dinge, die wir während unserer Reise durch Serbien gelernt hatten und die sehr hilfreich waren, unsere Erlebnisse und Erfahrungen, die wir dort machten, zu verstehen. Der Kosovo wird als das spirituelle Herz Serbiens angesehen. Hier gab es eine Vielzahl herrlicher alter orthodoxer Klöster. In gewisser Weise nahm die serbische Nation mit der Schlacht von Kosovo Polje ihren Anfang, als sich verschiedene Adlige unter Count Lazarus (dem späteren Heiligen Lazarus) vereinten, um gegen die einfallenden Ottomanen zu kämpfen. Sie waren zahlenmäßig weit überlegen. Vielleicht begann ein Teil der Schwierigkeiten in dieser Region damals mit Count Milosh. Um die Invasoren zu schwächen, täuschte er eine Kapitulation vor. Als er zum Sultan geführt wurde, um seine Unterwerfung zu unterbreiten, zog er ganz unritterlich sein Schwert und ermordete den Ottomanenführer. Es gab eine fürchterliche Schlacht mit schweren Verlusten auf beiden Seiten und Lazarus wurde getötet. Doch obwohl die Ottomanen einen Sieg ausrufen konnten waren sie so geschwächt, dass ihre Europainvasion für lange Zeit zum Stillstand kam.

Der Konflikt in seiner gegenwärtigen Form wurde anscheinend schon während des zweiten Weltkrieges vorbereitet. Albanien wurde von den Achsenmächten (Deutschland, Italien) eingenommen, Serbien war an der Seite der Aliierten. Die Achsenmächte hatten zusammen mit den Albaniern die Kontrolle im Kosovo übernommen und vertrieben viele Serben von hier. Als die Kommunisten nach dem Krieg unter Tito an die Macht kamen, hinderten sie serbische Flüchtlinge daran, in den Kosovo zurückzukehren.
In den späten 1990er Jahren, als sich das alte Jugoslawien auflöste, eskalierten im Kosovo ethnische Unruhen. Rechtswidrige militärische und paramilitärische Gruppen bekämpften sich gegenseitig und terrorisierten die Zivilbevölkerung. Kleinere ethnische Gruppen, wie Sinti und Roma sowie Kroaten, waren ebenfalls das Ziel von Gewalt. Wir trafen einen internationalen Experten, der fast sieben Jahre lang im ehemaligen Jugoslawien Kriegsverbrechen auf den Grund ging und Opfer und Zeugen interviewte. Er erzählte uns, dass, seiner Erfahrung sowie auch der seiner Kollegen nach, beide Seiten, sowohl die Serben als auch die Albanier, eine annähernd gleiche Anzahl von Kriegsverbrechen ausgeübt hatten. Doch gab es fast keine Fälle von Gewalt von Serben gegen Serben, aber zahlreiche Fälle von Terror von albanischen Paramilitärs gegen nicht kooperative Albanier.
1999 befahl US-Präsident Clinton den Luftangriff auf Serbien. Wie gut bekannt ist, verloren viele Zivilisten dabei ihr Leben. Weniger bekannt ist, dass die industrielle und ökonomische Grundlage Serbiens praktisch zerstört wurde. Ebenso waren die Auswirkungen auf die Umwelt außerordentlich, da ebenso Raffinerien, Chemieanlagen und Bergwerke bombardiert wurden, außerdem wurde offensichtlich radioaktive Munition angewendet. Etwas später rückten die KFor- und EU-Lex Kräfte im Kosovo ein und beherrschen faktisch das Territorium.
2004 gab es noch eine Steigerung der Unruhen im Kosovo. Drei albanische Kinder ertranken beim Schwimmen. Es verbreitete sich das Gerücht (offensichtlich unbegründet), dass Serben sie ins Wasser getrieben hätten. Es gab Angriffe - einige davon sehr gut instrumentalisiert – von Banden auf unbewaffneten Serben. Ein Mann fuhr sein Auto in eine Gruppe serbischer Kinder, eins wurde dabei getötet. Serbische Kinder wurden erschossen, als sie in einem Fluß schwammen. Mönche und Nonnen wurden ermordet, einige brutal. Viele Serben wurden gezwungen, nördlich des Ibar zu ziehen oder den Kosovo ganz zu verlassen. Viele alte Kirchen und Klöster wurden zerstört. Traurigerweise standen die meisten dieser Tempel unter dem Schutz der Kfor-Truppen. Wir trafen etliche Mönche und Nonnen die uns berichteten, dass die Soldaten sie mit Gewalt aus ihren Klöstern geholt hatten mit der Begründung, dass es ihre Aufgabe sei, Leben und nicht Eigentum zu beschützen. Die Kirchen blieben auf diese Weise ungeschützt und wurden zerstört. Einige wurden fachmännisch gesprengt. Ein UN-Arbeiter, den wir trafen, bestätigte dies.

Obwohl wir inzwischen schon durch 45 Länder gereist sind und viel gesehen und erlebt haben, machte der Kosovo einen befremdlichen Eindruck auf uns. Wir waren in vielen Ländern, die Mitglieder der NATO, der EU oder von beidem waren. Aber hier waren wir in einem Land (obwohl von vielen Regierungen nicht als Staat anerkannt), das von der NATO und der EU geschaffen wurde und aufrechterhalten wird. Es war ein bisschen wie in einem futuristischen Film. Fremde bewaffnete Soldaten zogen herum. Auf den Straßen gab es große teure Autos mit getönten Fensterscheiben und mit EU - oder UN – Nummernschildern. Die offizielle Währung ist der Euro. In den größeren Städten kann man Geschäfte und Banken von vielen ausländischen Investoren sehen. Viele von ihnen haben ihre Landesfahnen gehisst über ihrer Immobilie. Es gibt wenig Arbeitsplätze und praktisch keinen Export. Die Arbeit von Familienmitgliedern im Ausland, Geschenke oder Anleihen von EU-Mitgliedsstaaten, der Transport von illegalen Drogen und Waffen, sowie Menschenhandel unterstützen die Wirtschaft. Und obwohl die meisten Menschen freundlich und hilfsbereit sind, liegt ein ständiges, unmissverständliches „Gefühl“ von Spannung und Gefahr in der Luft. Wie man sich gut vorstellen kann, hatten alle, die wir trafen, Geschichten zu erzählen über Verlust und Leid von sich selbst und geliebten, nahe stehenden Menschen.

Die albanische Bevölkerung ist relativ jung. Die meisten jungen Erwachsenen, die wir trafen, waren Studenten: vorwiegend der Wirtschaft, Computertechnologie oder Fremdsprachen. Nur wenige von ihnen konnten eine Arbeit finden. Anscheinend waren sie umgeben von einer Kultur im amerikanischen Stil: laute Musik, brutale oder unzüchtige Filme und einem Verlangen nach großen teuren Autos und elektronischen Gütern. Andererseits schienen diese Einflüsse bei ihnen wiederum nicht so besonders tief zu gehen, denn sie waren offen, freundlich, optimistisch und sehr familienorientiert. Wenn wir erzählten, dass wir Amerikaner sind, war die typische Reaktion: „Amerika: ein gutes Land. Bill Clinton: ein sehr guter Mann.“ In Pristina, der Hauptstadt, sahen wir die berühmte Bill Clinton-Statue, ebenso die große Kopie der New Yorker Freiheitsstatue. Wir waren sehr berührt von der Freundlichkeit und der Gastfreundschaft, die wir erfuhren.
Die serbische Bevölkerung war meist älter. Auch hier hatten nur wenige einen Arbeitsplatz. Viele, besonders Frauen, trauten sich nicht, sich außerhalb ihrer Enklaven frei zu bewegen, auch nicht bei Tageslicht. Es gab viele Entführungen auf den Straßen, und das Schicksal der Opfer war oft grausig. Die meisten Serben waren geflohen. Jene, die geblieben waren, schienen sehr wenig von der ausländischen Hilfe abzubekommen, die in das Land fließt. Viele serbische Dörfer sind zerstört worden. Wir verbrachten eine unserer letzten Nächte in einem zeitweiligen Unterschlupf mit einem Mann und seiner schon älteren Mutter in solch einem Dorf. Die bombardierte Schule und die zerstörten Häuser machten das Ganze ziemlich schauerlich, und trotzdem erzählte uns der Mann, dass Dinge hier jetzt ziemlich sicher seien. Wie auch immer, wir hörten hier und auch an anderen Orten, dass tragischerweise nur die Dörfer überlebten, die keinen Albaniern gestattet hatten, Häuser zu kaufen.

Doch auch hier war die Gastfreundschaft warm und großzügig. Wir waren zwei Tage lang bei einer Familie in einer serbischen Enklave, hatten zusammen viele tiefe Gespräche und teilten Freuden und Sorgen. Wir bemerkten einmal, dass sie das Essen auf Kredit im Ortsladen gekauft hatten, weil ihnen das Geld ausgegangen war. Wir versuchten behutsam, ihnen etwas Geld anzubieten, aber sie wiesen das ganz klar zurück. Bevor wir weiterfuhren, versteckte ich in der Küche etwas Geld, ohne es zu sagen. Einige Wochen später bekamen wir eine e-mail von unseren neuen Freunden, in der sie schrieben, dass wir sie in große Schwierigkeiten gebracht hätten. Sie hatten das Geld gefunden und schnell geschlussfolgert, wo es her kam. Sie fühlten, dass sie es nicht für sich behalten konnten, und so gaben sie es als ein Geschenk an ein nahe gelegenes Kloster. Doch der Abt sagte ihnen, dass es eine Sünde für ihn sei Geld von Menschen zu nehmen, die ohne ein Zuhause als Pilger unterwegs sind. Er sagte ihnen, sie sollten das Geld irgend woanders hin geben, vielleicht zu Menschen in einer ganz schlimmen Notlage. „Seht mal, was für Schwierigkeiten ihr uns beschert habt!“ schrieben sie. Aus diesem Ereignis haben wir eine wichtige Lektion gelernt, nicht nur eine über die Tiefe der wahren, heiligen Gastfreundschaft, sondern auch über Takt und darüber, achtsam zu sein, anderen ihren „Schatz im Himmel“ nicht zu rauben.

Als wir den Kosovo verließen in Richtung Mazedonien waren wir erfüllt von vielen Eindrücken und Gefühlen: dem Grauen über die Erinnerungen und Folgen des Krieges; der meist surrealen, beunruhigenden Natur des gegenwärtigen „Friedens“; der Güte, die wir sowohl bei Serben als auch bei Albaniern angetroffen hatten; und von der Tragik, dass hier (aus welchen Gründen auch immer) die alte, an Weisheit reiche serbische Kultur und die junge, dynamische albanische Kultur nicht nebeneinander bestehen werden können für lange Zeit. Vielleicht haben wir hier mehr Tränen vergossen als irgendwo sonst auf unserer Pilgerreise bis heute.

Wir dankten Gott auch für unsere Treffen mit so vielen einzelnen Menschen – die unter Bedingungen leben, die für die meisten Westeuropäer schwer vorstellbar sind – Menschen, die Liebe statt Hass wählten, Wahrheit statt Massenpropaganda und Hoffnung statt Verzweiflung. Wir halten sie dankbar in unseren Gebeten, genauso wie alle anderen, die uns materiell und spirituell unterstützt hatten auf dieser Pilgerreise.

P.S.: „Insider“-Informationen über die Arbeit internationaler Organisationen im Kosovo gibt es in dem Artikel über diesen link: http://www.juliagorin.com/wordpress/?p=2103

15 September 2010

September 2010: Serbien

September 2010: Serbien

Liebe Freunde,

der letzte Bericht über Eure Pilger ging an Euch, als sie mit den Rädern in Ost-Kroatien entlang des Flusses Danube fuhren. Dann überquerten sie die Grenze nach Serbien. Der erste Eindruck hier war Freundlichkeit. Jedoch gab es auch den Eindruck von Armut, besonders in den kleineren und großen Städten. Wir fuhren dann mit unseren Rädern auf den Fruška Gora (Фрушка гора) – das ist ein heiliger Berg mit vielen Klöstern und einem Nationalpark – und wir besuchten das Frauenkloster in Beočin (Беочин). Danach hatten wir eine etwas abenteuerliche Nacht im Zelt.

Am nächsten Morgen, während des Gottesdienstes in der Kirche dankten wir aus vollem Herzen Gott für Seinen Schutz in der vergangenen Nacht. Nach dem Frühstück radelten wir durch den Fruška Gora Nationalpark zum Kloster Šišatovac (Шишатовац). Dort trafen wir Bischof Artemije und einige der Mönche, die mit ihm dort leben. Sie empfingen uns mit Liebenswürdigkeit und heiliger Gastfreundschaft. Wir wissen nicht nur ihre Freundlichkeit sehr zu schätzen, sondern auch die vielen ehrlichen und inhaltsvollen Gespräche mit den Mönchen.
Der Bischof war – und ist offensichtlich immer noch – im Zentrum des Sturmes einer Kontroverse in der Serbischen Orthodoxen Kirche. Später bekamen wir viele Beschuldigungen gegen ihn zu hören. Wie auch immer, unser erster, unvoreingenommener Eindruck von ihm war der eines freundlichen, älteren Gentlemans. Obwohl er sich in bishoflichler Würde zeigte, war er umgänglich (er sprach perfekt griechisch), einfach und lebte in sehr bescheidener Umgebung. Die Kirche vor Ort, die im Zweiten Weltkrieg beschädigt worden war, war immer noch nicht repariert. Wegen Platzmangels lebten fünf Mönche zusammen in einer Zelle und sie teilten sich in ein altes Auto. Wir erfuhren auch tief empfundene, heilige Gastfreundschaft im Kloster, und wir waren nicht nur von der frommen Hingabe und Wärme der Mönche tief berührt, sondern auch von ihrem herrlichen Sinn für Humor.

Noch etwas anderes hinterließ einen tiefen Eindruck in uns. Viele Menschen reisten nach Šišatovac zu den Gottesdiensten, manchmal müssen sie schwierige und teure Reisen durch das ganze Land auf sich nehmen. Man konnte die Intensität ihrer stundenlangen Gebete in den Gottesdiensten spüren.
Als wir dort weilten, hat die Synode, das höchste leitende Organ der Serbischen Orthodoxen Kirche, Artemije seines Amtes als Bischof von Kosovo-Metohia enthoben. Obwohl verschiedene unbewiesene Behauptungen gegen ihn erhoben worden waren, betraf die hauptsächliche Meinungsverschiedenheit seine sehr offen zum Ausdruck gebrachte Haltung bezüglich des Kosovo. Seine Meinung war, dass das Kosovo ein Teil der Republik Serbien bleiben und eine Regierungsform ähnlich der in der Schweiz errichtet werden sollte, welche die Rechte der ethnischen Gruppen und die örtliche Autonomie in Bildung, Religion, Kultur und Gebietsverwaltung garantiert.

Er sprach sich gegen die fortwährende Vertreibung der ethnischen Serben aus dem Kosovo aus, sowie gegen die Schikanen gegenüber denjenigen, die bleiben. Er protestierte gegen die Zerstörung von 150 Kirchen, die nach dem Krieg unter der Obhut der USA und des europäischen Militärs geschah. Er prangerte den Mord an Serben und Albaniern an und den Verkauf ihrer Organe durch Führer ethnischer albanischer Milizen, zwei Jahre bevor dieser Skandal die Zeitungen erreichte. Und noch mehr, er war selbst, trotz seiner Fehler und menschlichen Mängel, die am meisten sichtbare Mahnung und Erinnerung daran, dass Kosovo-Metohia die Heimat des spirituellen Herzens Serbiens ist.

Neulich erhielten wir die Information, dass Artemije vor Kurzem von der Synode seiner Würde und seines Amtes als Priester und Bischof enthoben wurde. Er erklärte öffentlich, dass er diese Handlung für nicht rechtmäßig--weder nach den kirchlichen Kanonen, noch nach das serbische Gesetz--und auch für illegal hält.

Wir verließen Šišatovac und fuhren mit den Rädern in Richtung Belgrad, der Hauptstadt. Auf dem Weg trafen wir Flüchtlinge von Bosnien, Kroatien und Kosovo aus der Nachkriegszeit des Jugoslawienkrieges und viele Menschen, die ohne Arbeit oder unterbeschäftigt waren, größtenteils wegen des Krieges und der Zerstörung vieler Industrieanlagen während der Bombardierung 1999. Die Freundlichkeit und Gastfreundschaft, der wir begegneten, war herzerwärmend.

Wie auch immer, die Bedingungen für Radfahrer in der Stadt Belgrad waren jedoch (mit Ausnahme einiger Wege entlang der Flüsse) weniger als ideal. Nachdem wir eine Abkürzung genommen hatten, um über eine Brücke zu kommen, fanden wir uns auf einer stark befahrenen Autobahn mit beschränktem Zugang wieder. Dann kam ein langer Tunnel mit wenig Bewegungsfreiheit. Betäubt vom donnernden Verkehr, halb blind von den Scheinwerferlichtern, hin und her pendelnd im Luftstrom der vorbeifahrenden Lastzüge beteten wir heftig und traten straff in die Pedale. Nach dem Tunnel gab es immer noch keine Möglichkeit, diese Autobahn zu verlassen. Und dann kam noch ein Tunnel – genauso lang und genauso gefährlich wie der andere. Wir dankten Gott für seine Bewahrung, aber wir fühlten, dass, wenn wir uns nochmals in einen weiteren lebensgefährlichen Tunnel begeben würden, dies bedeutete, den Herrn zu versuchen. Am Straßenrand gab es einen kleinen Parkplatz, da saßen zwei Lastwagenfahrer aus der Türkei, die dort parkten und gerade beim Mittagsessen waren. Sie waren sehr freundlich und einer sprach etwas deutsch. Als sie unsere Notlage begriffen, halfen sie uns, die Fahrräder die Böschung hinauf zu tragen bis auf die Spitze des Berges, durch den der Tunnel ging. Bald waren wir weg von der Autobahn und wieder im normalen Stadtverkehr!
Während unseres Aufenthaltes in Belgrad nahmen uns zwei orthodoxe Schwestern unter ihre Fittiche. Sie arrangierten für uns die Unterkunft und halfen uns bei allen praktischen Details, außerdem führten sie uns zu bemerkenswerten Tempeln und Monumenten, wie die Kirche von St. Petka (Paraskevi) und die gewaltige Kathedrale vom hlg. Sava, dem Schutzheiligen der Serben.

Es würde zuviel werden, all unsere Treffen und Erfahrungen aufzuzählen und darüber zu berichten, die wir in Zentralserbien hatten. Aber einer der Höhepunkte war Čačak (Чачак). Wir wohnten bei Tatiana, einer Englischlehrerin, die wir getroffen hatten, ihrem Vater, der ein Hobby-Bienenzüchter ist, und bei ihrer Mutter, die kocht wie die Chefköchin eines feinen Hotels, sowohl in der Qualität als auch in der Quantität. Die Ovčar-Kablar Schlucht (Овчарско-кабларска клисура) am Fluß Morava liegt in der Nähe. Diese herrliche Gegend mit Flußmäandern, Felsklippen und atemberaubenden Naturschönheiten wird, auch wegen ihrer zahlreichen alten Klöster, der Berg Athos Serbiens genannt.
Ein weiterer Höhepunkt war das Kloster Žiča (Жича), in der Nähe von Kraljevo. Es wurde vor über 800 Jahren von Stephan, dem ersten König Serbiens, errichtet. Die Oberin ist eine Frau von großer Heiligkeit, die Schwestern (und einige andere Besucher) sind besonders musikalisch. Ihre Freude am Gebet und am Singen war verknüpft mit einer tiefen Sorge um das zerstörte Land auf Grund der Bombardierung durch die NATO im Jahr 1999, und um die Kinder, krank durch die Auswirkungen des Krieges auf die Umwelt. Das ist wohl ein Beispiel für eine „Nachahmung Christi“, die Herzen zu öffnen für die Liebe und die Freude an und in Gott und die Mitmenschen, und gleichzeitig Mitgefühl zu verspüren für eine leidende Welt, so krank auf körperlicher, psychischer und spiritueller Ebene.

Nachdem wir Žiča verlassen hatten, besuchten wir einen anderen alten und historisch wichtigen heiligen Ort, Studenica (Студеница)., erbaut 1190, der großartige Fresken beherbergt. Von hier aus radelten Eure Pilger durch die wunderschöne, bergige Landschaft Serbiens weiter südlich, in Richtung Kosovo. Mehr darüber im nächsten Bericht.