November 2009: Kalifornien
Liebe Freunde,
seit unserem letzten Bericht haben Eure Pilger Kalifornien erreicht. Es hat sich als ein Land der starken Kontraste erwiesen. Einerseits trafen wir viele freundliche und hilfsbereite Menschen. Wir waren auch in ausgesprochen herrlichen Naturlandschaften: in schroffen, zerklüfteten Küstengebieten, warmen Sandstränden, in dichten Wäldern mit mächtigen Redwood-Bäumen, sowie in strahlendheller arider Wüstengegend. Andererseits waren wir oft mitten in starkem Verkehr und in schier endlosen Gebieten mit Geschäften, Garagen und Einkaufszentren unterwegs. Unsere erste Nacht in Kalifornien verbrachten wir auf einem Campingplatz, der völlig vereinnahmt war von Chaoten mit Dutzenden von Hunden: Leute, die tranken, Drogen nahmen und laut Musik spielten. Sie vermüllten die Waschräume, waren die ganze Nacht im dortigen Park zugange und brachen jedes Stück Holz ab, das nur irgend möglich war. Es waren auch viele heimatlose Menschen in Kalifornien zu sehen. Diejenigen, mit denen wir sprachen, erschienen uns als gutmütig und freundlich. Vielleicht sind sie zu gut und empfindsam, um in einer Welt zurecht zu kommen, die immer mehr vom Mammon und von Bürokratie beherrscht wird. Dennoch wirkten sie verloren, in einer scheinbaren Sackgasse auf ihren Lebenswegen. Sie bezeugen die Aussage von Mutter Teresa (aus Kalkutta), dass Armut in Amerika zuallererst geistliche Armut ist.
Wie wir in den 12 Jahren unserer Pilgerreise erlebt haben, stehen die Erfahrung der Wunder und Schönheit von Gottes Schöpfung und die Güte Seines Volkes, sowie die Erfahrung der Bitterkeit des Falles der Menschheit mit all ihren Konsequenzen, dicht beieinander. Die erste der beiden Erfahrungen stärkt unsere Hoffnung, die zweite unseren Vorsatz zu heilen und zu helfen.
In San Francisco besuchten wir die Kathedrale, die die Reliquien des Heiligen Johannes Maximovitch, des russisch-orthodoxen Bischofs von Shangai und San Francisco, beherbergt. Uns war es möglich, in der dazugehörigen christlichen Schule für die Kinder zu singen und mit ihnen zu sprechen. Finanziell gesehen ist es ein Wunder, dass die Schule ueberhaupt arbeiten kann. Ein noch größeres Wunder ist jedoch das Wachstum der Kinder in einer echten, wahrhaftigen Frömmigkeit, in der Liebe zu Gott und den Mitmenschen und in einem vom Herzen kommenden Interesse an der Welt.
Später, im Big Sur - Gebiet, wurden wir zu einem Benediktiner-Kloster geführt: New Camaldoli Hermitage. Der Fahrweg dorthin steigt vom Meer bis auf 500 Meter Höhe an. Jemand sagte uns, dass es bis zur Klause nur eine viertel Meile sei, tatsächlich waren es zwei, was zwei Prinzipien bestätigte, die wir auf unserem Weg gelernt haben: 1. Vertraue niemals darauf, dass Autofahrer eine akkurate Schätzung von Entfernungen abgeben können! 2. Manchmal ist es besser, vorher nicht zu wissen, wie schwierig eine Reise werden kann: es könnte sein, dass du umkehrst und dann eine sehr wichtige Erfahrung verpasst!
Die Brüder nahmen uns mit wahrer benediktinischer Gastfreundschaft auf, und wir verbrachten zwei Tage in der gesegneten, mit Gebeten gefüllten Stille ihres Heimes, geborgen zwischen dem Meer und den Sternen. Dann ging es zurück zum Highway 1: Autos, Wohnwagen, steile Anhöhen, Robben, eine fantastische Meeresküste und Mitradfahrer von nah und fern, aus Kalifornien selbst und sogar aus der Schweiz und Deutschland...darunter einen pensionierten Zahnarzt aus Jena.
Weiter südlich hielten wir an einer japanischen buddhistischen Kirche. Wir erhielten vom dortigen Priester ein warmes Willkommen und verbrachten die Nacht in der kontemplativen Atmosphäre ihres Rückzughauses. Es war spät in der Nacht gewesen, wir waren richtig müde und fragten uns, wo wir nur die Nacht verbringen könnten… und dann sahen wir das Zeichen der Kirche. Später entdeckten wir, dass eine Schwesterkirche in der Nähe von Guadalupe (Kalifornien) ihren einhundertjährigen Geburtstag feierte. Sie spielte eine sehr wichtige Rolle im Leben der japanischen Amerikaner, deren Eigentum während des zweiten Weltkrieges konfisziert wurde und die weiter im Inland in Lagern inhaftiert waren. Nach dem Krieg, als sie an die Küste zurückkehrten, waren die Kirchen Zufluchtsorte und Treffpunkte für einzelne Menschen und Familien, die darum kämpften, sich ein neues Leben aufzubauen.
Von hier ging es weiter nach Lompoc, um Williams Bruder, seine Schwägerin und die beiden Zwillingsneffen zu besuchen, die in einem Luftwaffenstützpunkt leben. Wir fuhren geradewegs zum Haupttor – voll beladen mit Gepäck, Gitarre und hellgrünen Reflektoren auf dem Rücken. Aus irgendeinem Grund kam der Feldwebel aus dem Wachhaus heraus gerannt, begrüßte uns persönlich und schickte uns zum Besucherzentrum. Bald waren wir im Haus von Williams Verwandten, tauschten mit den Erwachsenen die Neuigkeiten aus und trafen die Vierjährigen zum ersten Mal. Die kleinen Neffen sind unbeschreiblich süß in ihren guten Momenten, aber wenn sie nicht so gut drauf sind, dann sind sie wie eine Mischung aus Tornado und Erdbeben!
In San Diego waren wir Gäste der Griechisch-Orthodoxen Kirche des Heiligen Gregor von Nyssa. Der Priester, Vater Simeon und Presbytera (Ehefrau des Priesters und damit geistige Mutter der Gemeinde) Joy-Ann sind eine Quelle des Lichtes und der Kraft, nicht nur in ihrer Pfarrgemeinde, sondern für die Menschen in der ganzen Gegend; sogar in Mexico unterstützen sie ein Waisenhaus. Ein oder zweimal saßen wir auf dem Hof hinter der Kirche, tranken griechischen Kaffee, der in einem echten „briki“ bereitet wurde, aßen “koulourakia”, genossen das warme und trockene Wetter und die Sonne und nahmen den Staub und den Lärm des Verkehrs auf. Es war erstaunlicherweise so, als wären wir in eine griechische Stadt transportiert worden. Wir besuchten eine Taufe in der Grossstadt, sangen für die Patienten in einer psychiatrischen Klinik und trafen uns mit zwei Klassen einer hier ansässigen "charter school" (eine oeffentliche Schule die das Erlaubnis hat, von dem Lehrplan des Staats abzuweichen) Grundschule.
Nachdem wir in die Wüste gefahren waren, zelteten wir in der Nacht hinter einem Fahrradladen in Alpine, CA, und trafen den Besitzer. Er ist nicht nur ein freundlicher Gastgeber und guter Mechaniker, sondern auch ein Vorbild für eine ganze Anzahl von Kindern, die der Laden mit seinen Rädern wie ein Köder anlockt, aber nicht nur die Räder, vor allem er selbst zieht sie an, denn in ihm finden die Kinder eine Art „Guter Onkel“, der ihnen eine ganze Menge über Fahrräder beibringt, und ganz nebenbei auch über das Leben und wahre Werte.
Der ursprüngliche Name von El Centro, CA, war “El Centro de La Palma de La Mano de Dios”, das bedeutet „das Zentrum der Handfläche von Gottes Hand“. Tatsächlich liegt der Ort unter dem Meeresspiegel – wie der niedrigste Punkt einer Handfläche – und er würde eine Wüste sein, wenn es nicht die Kanäle gäbe, die Wasser vom Colorado Fluß herleiten. Hier besuchten wir die anglikanische Kirche, erfuhren einiges über die Meinungsverschiedenheiten in der Anglikanischen Kommunion, und trafen sogar den Bischof, der gerade aus San Diego zu Besuch da war. Wir besichtigten auch das erstaunliche Bewässerungssystem und die landwirtschaftliche Oase, ebenso die Grenze zwischen den USA und Mexico, die schwer bewacht und patroulliert wird. Von hier ging es weiter nach Arizona.
Wie immer geht unser Dank an die vielen Menschen, die uns auf unserem Weg durch geistige, emotionale und materielle Unterstützung halfen. Sie sind in unseren Herzen und Gebeten.
Alexandra and William
12 November, 2009
12 Dezember 2009
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