Februar, 2010: Zypern
Liebe Freunde,
Wie sicher viele von Euch bemerkt haben, war es eine Weile still um uns seit dem letzten Bericht. Das letzte, was Ihr von Euren Pilgern zu hören bekommen hattet, war aus dem verschneiten El Peso in Texas. Das letzte halbe Jahr waren wir sehr beschäftigt.
Weihnachten 2009 verbrachten wir in den USA, dann flogen wir nach Europa. Unglücklicherweise ohne unsere bisher übliche „Winterpause“. Wie auch immer, bevor wir die USA verließen, besuchten wir noch einen alten Freund in Massachusetts. Vater Paul ist ein orthodoxer Hieromönch, d.h. er ist Priester und Mönch zugleich. Er lehrt an der „Harvard Divinity School“ in Cambridge. (Die „Göttlichkeitsschule“ ist ein an die Harvarduniversität angegliedertes Institut der höheren Ausbildung, gewidmet den Studien von Göttlichkeit, Religion und Theologie.) Mit seiner Soutane, dem langen, grauen Haar und Bart und mit seinem Kreuz stand er draußen in der Fakultät. Einmal, am ersten Tag des Studienjahres, kam ein Divinity Student vorbei, schaute ihn an und sagte zu ihm, dass er doch gar nicht an Gott glauben würde und begann, einige der ueblichen atheistischen Argumente aufzusagen. Vater Paul erwiderte ganz einfach: „Gut...auch ich glaube nicht an dem Gott, an dem du nicht glaubst!“ Das ist wohl eine Art, ein Gespräch zu beginnen! Wir verbrachten einige Zeit mit ihm, schauten uns eine Dokumentation über das byzantinische Reich an und sprachen über dieses Kapitel der Menschheitsgeschichte. Es stellte sich heraus, dass dies etwas später sehr hilfreich sein sollte.
Auf der Insel Zypern machten wir einige interessante Erfahrungen. Aus politischer Sicht waren wir hier in vier souveränen Territorien: in der Republik Zypern; dem Nordteil der Insel, der von der Türkei eingenommen ist und politisch de facto zur Türkei gehört; die „Grüne Linie“, die Pufferzone, okkupiert von der UN (ungefähr drei Prozent des Landes); sowie dem britischen Territorium. Jeder Teil hat einen eigenen Charakter.
Ostern und einige Tage davor verbrachten wir in einem orthodoxen Kloster. Die alten Traditionen Ostern zu feiern sind noch lebendig, und der orthodoxe Gottesdienst in den Kirchen nimmt die Menschen Schritt für Schritt mit durch die Ereignisse rund um die Kreuzigung. Es tat uns gut, einige Zeit damit zu verbringen, über die Passion und Auferstehung Christi kontemplativ nachzusinnen, weg von den politischen und geschäftlichen Unruhen, die auf der Insel so vorherrschen.
Unser vielleicht wichtigstes Treffen war das mit Athanasius, dem Bischof von Limassol. Es ist für uns eine seltene Erfahrung, einen Mann zu treffen von wahrer Heiligkeit, der außerdem eine hohe Position in der institutionellen Kirche inne hat. Ja, trotz der vielen Intrigen und politischen Verwicklungen in der zyprischen orthodoxen Kirche ist Bischof Athanasius solch ein Mann. Er empfing uns in der großartigen Kathedrale, in seine Roben gekleidet, in seiner ganzen Würde als Bischof. Aber von Anfang an war er warm, umgänglich, menschlich und nicht ohne Humor. Er hat eine "trapeza", einen Speisesaal, wo Jeder ein warmes Essen kostenlos bekommt. Seine „Gäste“, meist arme Menschen aus der Stadt, essen dasselbe Essen, das er auch isst, in einer sauberen, sehr schönen und heiligen Umgebung. Wir sprachen mit diesen Menschen und sangen an einem Tag für sie. Wir fanden bald heraus, dass diese ganze Einrichtung nicht nur bei den Gästen sehr beliebt ist, sondern auch die Angestellten in der Küche sind glücklich, dort zu arbeiten. Athanasius gründete und unterstützt auch ein Drogen- Rehabilitationszentrum in den Bergen nahe des Klosters Macheras. Es wird von der gleichen Atmosphäre von Heiligkeit, Schönheit und Sauberkeit durchdrungen. Dort gibt es sogar einen Garten mit ökologischem Anbau, der von den Bewohnern bewirtschaftet wird.
Wir haben jedoch nicht nur unsere geliebten orthodoxen Brüder und Schwestern besucht. Unsere musikalische Pilgerreise (nun in ihrem vierzehnten Jahr), führte uns zu Anglikanern, Evangelikalen, einer kleinen arabischen Kirche, einer Sri Lanka- Kirche, einer philippinischen Kirchengruppe und einer schwedischen Mission. Überall waren wir beeindruckt von der Wohltätigkeit und der Fürsorge in all diesen Gruppen, ebenso von der Gastfreundschaft und dem warmherzigen Empfang, den wir erhielten.
Interessanterweise erlebten wir wieder ein Stück der byzantinischen Geschichte, während wir mit einigen unserer protestantischen Freunde sprachen. Für einige, sicherlich nicht für alle, ist das Betrachten und Verehren von Ikonen eine Form der Abgötterei, der Anbetung von Idolen. Von dieser Idee jedoch grenzen wir uns ab. Als orthodoxe Christen haben wir Tausende von Menschen getroffen, die Ikonen anschauen und sogar verehren als ein Hilfsmittel, das durch ihre Schönheit und Heiligkeit die Seele zu öffnen vermag für das Göttliche. Aber wir haben nicht einen Menschen getroffen, der das Holz und die Bemalung der Ikone als den lebendigen Gott angebetet oder diesen sogar Opfer dargebracht hätte. Auf der anderen Seite haben wir viele Menschen getroffen, die leben als ob das Geld ihr höchster Gott wäre. Wo bitte liegt nun die größere Gefahr einer Abgötterei? Mehr noch, in Europa und Amerika werden die Menschen täglich mit einer Flut von gottlosen und unzüchtigen Bildern überhäuft, in der Werbung und in der so genannten „Unterhaltung“. Heilige Bilder können helfen, die menschliche Vorstellungskraft zu heilen und zu reinigen.
Selbstverständlich basieren unsere Diskussionen darüber auf gegenseitigem, freundschaftlichem Respekt. Aber wir kamen nicht umhin, an die ikonoklastische Kontroverse im achten und neunten Jahrhundert erinnert zu werden. Dieser Eindruck wurde noch verstärkt, als wir ein interessantes Stück Geschichte des alten Paphos entdeckten, wo wir uns gerade aufhielten. Während der Zeit des Ikonoklasmus, als die Ikonen verboten und zerstoert waren von der Staat, wurde, anlehnend an die Tradition, eine Ikone der "Panagia Chrysorroyiatissa" („Unsere Frau des Goldenen Granatapfels“) in das Meer getragen, um sie vor Raub und Entheiligung zu bewahren. Das Wasser trug sie geheimnisvollerweise in die Bucht bei Paphos und wurde dann in Geroskipou aus dem Wasser geholt. Später, im 12. Jahrhundert, wurde ihr in den Troodos Bergen ein Kloster erbaut. Heute steht dieses Kloster unter der Leitung des Abtes Dionysios, der eine der weltgrößten Bibliotheken für die Kunst und die Theologie der Ikonen errichtet.
Einer unserer bewegendsten Momente war in einer Kirche in Limassol. Eine ältere armenische Frau, die mit ihrer Familie anwesend war, richtete sich an die ganze Versammlung und erzählte davon, wie sie, ihre Familie und ihr ganzes Volk unter den Türken schrecklich zu leiden hatten. Jedoch, so sagte sie, legte Gott ihr ins Herz, für das türkische Volk zu beten. Was war ihre Antwort darauf? “Gott hat mir selbst so viel vergeben, wie könnte ich mich weigern, anderen zu vergeben?“
Eure Pilger verabschiedeten sich von Zypern, ein wenig traurig darüber, so viele Freunde verlassen zu müssen, aber voll freudiger Erwartung auf Skandinavien. Darüber berichtet dann der nächste blog!
Unsere Liebe und unsere Grüße gehen an alle unsere Freunde und an alle, die uns halfen auf unserem Weg!
17 Februar 2010
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